Freitag 29.01.2010 | 20.30 Uhr

 

DeichArt "Schwitzende Männer im Schuhgeschäft"

 

Pressespiegel:

No Fake, sondern Wild Thing

Bejubelte Premiere von DeichArts „Schwitzende Männer im Schuhgeschäft“ am Theater im Werftpark. Von Jörg Meyer


Kiel – Wie fängt man(n) denn so ein Stück mit drei Herren auf drei Hockern am besten an? Mit der Vorführung der Requisiten? Oder lieber mit „Präzision, Timing, tak-tak-tak!, sich unabhängig machen von allem, drüber stehen“? Oder doch „spontan, vollkommen leer, wenn man auf die Bühne kommt“?
Nicht nur Nickel Bösenberg, Tom Keller und Eirik Behrendt bespiegeln in der DeichArt-Produktion „Schwitzende Männer im Schuhgeschäft“ sich selbst „als Mann und als Künstler“, auch das Theatralische an sich, das Dasein in Rollen und das bewusst daraus Fallen, spielt eine Hauptrolle. Neben allem (Tragi-) Komischen, das drei Männer zu erzählen wissen, wenn sie aus ihrem Leben, ihrem Herzen und aus dem Bauch plaudern, granteln, verzweifeln, Muckis und Muttis zeigen, neben Lieblings-Hits neu arrangiert und parodiert ist solche Selbstanalyse des Theaters das Hintergründigste des „heiter-szenischen Abends“, dessen Premiere im Theater im Werftpark höchst amüsiert aufgenommen und bejubelt wurde.
Theater! Männer! „No Fake!“ versprechen sie, alles echt, so weit etwas auf der Bühne oder im Leben „echt“ sein kann. Sie spielen sich selbst und doch spielen sie einen Text, sind insofern auch männliche Prototypen. „Da draußen gibt’s keine Bären zu erlegen“, trauert Eirik, der daher am liebsten Ballerspiele spielt oder zusammen mit Nickel den ultimativen Vater-Sohn-Konflikt zwischen Darth Vader und Luke Skywalker als köstliches Lichtschwerterballett mimt. Archetypen, auf die die Kinder in den Männern voll abfahren.
Aber gehört das überhaupt ins Stück? Und wieso muss der „musikalische Leiter“ Tom dazu Eric Saties süßliche „Gymnopédies“ klimpern? „Das kann sich ja nur eine Frau ausgedacht haben“, Autorin und Regisseurin Franziska Steiof. „Die will uns vorführen“, mutmaßen die drei, „wir sind Opfer eines perfiden Frauenkontrollmachtdingsda!“ Da wie beim Schuhkauf mit der Liebsten hilft nur trotzig schwitzen und singen: „Wild Thing!“ und „Walk On The Wild Side“ in gleich drei Versionen, Eirik in einer grandiosen Aggro-Berlin-Hiphop-Persiflage, Tom, der „Anzug-Typ“, als geölter Macho, Nickel als Rockröhre und Beziehungs-Warmduscher.
Männer! „Hallooh!“ Durchschaubar! Und doch so liebenswert als aufsässige Jüngelchen, die ausgerechnet mit einer Howard Carpendale-Schmonzette den Aufstand gegen Frau, Rolle und letztlich sich selbst proben. Und – jetzt wird’s philosophisch, meine Herren – „die Erwartung der Enttäuschung des Publikums enttäuschen“, mit einem fulminanten Medley von „We Will Rock You!“ bis „Sag’ mir, wo die Blumen sind“, die alle – übrigens präzise getimet und spontan zugleich – auf ein und den selben Beat hören. Auf den Beat von Männerherzen. Und als die am Schluss zu „That’s What Friends Are For“ in trauter Eintracht pochen, meint nicht nur manche Frau im Publikum: „Arschloch – aber irgendwie süß.“
(Kieler Nachrichten, 21. Oktober 2005)


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Worüber Männer im Schuhgeschäft so reden
Von ALEXANDRA zu KNYPHAUSEN
Franziska Steiof, 43, ist derzeit sehr gefragt: Am Berliner Grips-Theater und auf zwei Schleswig-Holsteiner Bühnen sind gerade Stücke von ihr zu sehen, und ihr bisher neuntes Werk zeigt sie mit ihrer Gruppe DeichArt nun im Hamburger monsun theater: „Schwitzende Männer im Schuhgeschäft” (20. - 23. 4., je 20 Uhr) plaudern über Abgründiges und Skurriles aus ihrer Innenwelt. Wir wollten wissen, was Franziska Steiof über Männer, Frauen und das Öl im Beziehungssalat denkt.
JOURNAL: Drei Männer, drei Hocker, drei Ansichten; um was geht's in Ihrem Stück?
FRANZISKA STEIOF: Drei grundverschiedene Männer packen aus, unterhalten sich und singen über ihre An- und Einsichten, Frauen, Sex und ihre Rollen im Alltag. Die Konstellation mit Tom Keller, Nickel Bösenberg und Eirik Behrendt auf der Bühne eignet sich hervorragend für ständig wechselnde Koalitionen und Konkurrenzkämpfe untereinander. Übrigens wird dabei mehr gespielt als gelitten.
JOURNAL: Woraus ist das Stück gemacht? Aus Emanzipation, Liebe oder Verzweiflung?
STEIOF: Weder noch. Aus der Lust von uns vieren, zusammen eine musikalische Theater- Unterhaltung zwischen U und E zu entwickeln. Unsere gemeinsame Humorlage ist einer der Trümpfe! Wir haben unsere Lieblingssongs gesammelt und einige neu für Klavier, Trommeln und Gesang umgesetzt. Im Kern des Stückes geht es um das vermeintlich Private. Daß sich drei Schauspieler darauf einlassen, hat mit Offenheit, Vertrauen, Respekt zu tun, insofern also schon mit den Grundpfeilern von Liebe.
JOURNAL: Was hat Sie auf die Spur des so ungern einkaufenden Geschlechts gebracht?
STEIOF: Der Titel entstand bei Proben für den „Schimmelreiter” in Kiel. Nach einer anstrengenden Probe stellte sich Tom Keller an seinen Synthi, sang sich die Anspannung aus dem Leib und improvisierte über schwitzende Männer im Schuhgeschäft. Ich war begeistert.
JOURNAL: Wollen Sie den Männern etwas beibringen oder den Frauen Langmut nahelegen?
STEIOF: Eher unterhalten und neue Sichtweisen eröffnen. Schön, wenn Frauen und Männer dann neue Einblicke in männliches Erleben gewinnen. Wenn die drei mit ihren Eigenheiten, Ticks, Abgründen und Träumen den Zuschauern ans Herz wachsen, entsteht zwischen Bühne und Publikum eine positive Verbindung.
JOURNAL: Was ist dran an der Ansicht: „Männer und Frauen passen nicht zusammen”?
STEIOF: Wenn es keinen Bedarf an der Beziehung zwischen beiden gäbe, wäre sie längst ausgestorben. Irgend etwas paßt also nach wie vor perfekt. Um den Rest wird naturgemäß gerangelt.
JOURNAL: Wie ist es denn, wenn Sie ins Schuhgeschäft gehen?
STEIOF: Eine deutsche Frau hat im Durchschnitt 17 Paar Schuhe. Ich liege leicht drunter, bin kein Dauergast in Schuhgeschäften, brauche aber viel länger als die meisten Männer.
JOURNAL: Hatten Sie Anschauungsobjekte?
STEIOF: Alle Menschen in meiner Umgebung. Ich sammle Geschichten, Sichtweisen und Momente, die über sich hinaus wirken. In diesem Stück kombinieren wir Improvisationen der Darsteller mit Geschichten, die ich einfließen ließ.
JOURNAL: Schwierig, selbstironische Menschen zu finden, die so etwas spielen können. Wie haben Sie gleich drei gefunden, und dann noch männliche?
STEIOF: Gemeinsame Erfahrung war durch lange Zusammenarbeit am Kieler Theater vorhanden. Irgendwann gründeten wir die freie Gruppe DeichArt. Seit 2002 produzieren wir Stücke.
JOURNAL: Beschreiben Sie drei männliche Eigenschaften, über die Sie gestolpert sind.
STEIOF: Außerhalb der Arbeit: die Fähigkeit ab- und umzuschalten, Eitelkeit, Narzismus.
JOURNAL: Und drei weibliche?
STEIOF: Die Unfähigkeit, ab- und umzuschalten. Ständige Selbstzweifel. Sich als Opfer der Umstände zu definieren.
JOURNAL: Wie kommt man da denn noch zusammen?
STEIOF: Das Öl im Beziehungssalat setzt sich aus Respekt, Humor und Lust zusammen. Ein prima Verbindungsmittel ist übrigens auch, etwas gemeinsam zu produzieren. Wie wir.
(Hamburger Abendblatt, 15. April 2006, www.abendblatt.de/daten/2006/04/15/553773.html)

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