Premiere 
Freitag 08.01.2010 | 20.30 Uhr

Land ohne Worte - Autorin: Dea Loher

 

Keine andere Kunstform ist so anfällig für Peinlichkeiten und Fremdschämen, lädt derart zum Scheitern und Hüsteln ein wie das Theater. Woran das liegt? An seiner unbarmherzigen Livehaftigkeit, an seinem Aktualitäts- und Interpretationszwang, an seinen dahergekünstelten Stücktiteln. Nun ja, und ganz einfach auch daran, dass sich unglaublich viel hochambitioniertes Stümpertum in seinen Gefilden tummelt. Ein echter Klassiker des Verhauens und Versemmelns ist noch immer Georg Büchners Dramenfragment WOYZECK. In einer halsbrecherischen Zwei-Mann-Fassung nehmen sich DeichArt nun endlich auch seiner an und präsentieren die wohl radikalste und tagesaktuellste Version dieses ersten Bühnenwerks der Moderne. Und damit auch jeder versteht, was ihnen dabei durch die Köpfe ging (und was nicht), was sich also die Künstler dabei gedacht haben (und was nicht), haben sie die ganze Angelegenheit mit einem durchgängigen Audiokommentar versehen. Nie zuvor war Theater so verständlich. Ob das allerdings die Sache besser macht? Urteilen Sie selbst und fragen Sie sich beim Verlassen des Theaters: Was haben uns die Klassiker eigentlich noch zu sagen?
Zum Inhalt:
Afghanistan im Jahr 2009. Der zermürbende Terror der Taliban hat den mecklenburg-vorpommerschen ISAF-Soldaten Franz Woyzeck mit der Zeit ganz weich in der Birne werden lassen. Doch anders als sein Stubenkamerad Andres, der sein Heil in Drogen und Schrammelblues sucht, erhofft sich Woyzeck menschliche Geborgenheit von einer Prostituierten aus dem Dorf, die er, da er ihren wahren Namen nicht auszusprechen vermag, schlicht „Marie“ nennt. Mit ihr hat er sogar ein Kind gezeugt, eine geheime Kleinfamilie gegründet. Aber unter ihrer Burka sehnt sich die heißblütige Afghanin nach einem richtigen Mann, der sie beschützt und vielleicht sogar aus ihrem tristen, verhüllten Dasein errettet. Im feschen Tambourmajor glaubt sie diesen Schutz zu finden. Während sich also Woyzeck willenlos den abnormalen Schweinigeleien seines pervertierten Hauptmannes und den sadistischen Experimenten des von der internationalen Pharmaindustrie gedungenen Lagerarztes ausliefert, gibt Marie sich der zwielichtigen Gier des hodenprallen Majors hin. Als Woyzeck dies zu Ohren kommt, nimmt das Schicksal seinen blutigen Lauf ...
Regie: Jens Raschke
Darsteller: Matisek Brockhues, Tom Keller
Premiere: Mi, 6.5.2009, 20 Uhr, Hansa48, Kiel
Wunder Wolf Woyzeck
DeichArt feierte in der Hansa48 Premiere mit einer eigenwilligen Interpretation von Georg Büchners Dramenfragment.
Von Jörg Meyer („Kieler Nachrichten“, 8.5.2009)
„Woyzeck ist die offene Wunde. Woyzeck lebt, wo der Hund begraben liegt, der Hund heißt Woyzeck. Auf seine Auferstehung warten wir mit Furcht und/oder Hoffnung, dass der Hund als Wolf wiederkehrt“, sagte Heiner Müller 1985 bei der Büchner-Preis-Verleihung über den „vielmal vom Theater geschundenen Text“. Unter der Regie von Jens Raschke schindet die Kieler Theatergruppe DeichArt Georg Büchners Dramenfragment jetzt erneut – ganz bewusst, um den Wolf, der der Mensch dem Menschen ist, auf der Bühne und im anarchischen Witz über das Theatralische zu entfesseln.
Wahrlich wund ist der Wolf, der geschundene Hund, den Matisek Brockhues in der Hansa48 über die Bühne kriechen lässt, wild zuckend unter den Stimmen in seinem Kopf, die ihm „das wunderbare Wort Ehrenmord“ an seiner Geliebten Marie einflüstern, aber auch unter den Hänseleien, die im Audiokommentar von hinter der Bühne seine Existenz als Schauspieler, ja des Theaters überhaupt, in Frage stellen. Woyzeck im Kostüm eines Guantánamo-Häftlings, dann im Kampfanzug eines deutschen Afghanistan-Söldners (Ausstattung: Eveline Havertz), der Archetyp des vielfach Gequälten: nur ein böswilliger Regieeinfall? Raschke, der nach zahlreichen Backstage-Intrigen mit und gegen seine Schauspieler im „WoyzEck_VoiceOver“ am Ende selbst das gemeuchelte Täter-Opfer ist, legt das nahe. Denn Büchners Fragment von der Endzeit menschlicher Moral wie der des Theaters legt das nahe. Das Stück über einen Geschundenen will selbst geschunden sein, und diese Aufforderung zum Theatermord setzen Raschke und die DeichArtisten Matisek Brockhues und Tom Keller mit (sado-) masochistischer Spielfreude um.
So gerät die berühmte Rasier-Szene, in der Woyzeck vom Hauptmann gedemütigt wird, zum schwulen Kasperletheater im grell erleuchteten „Darkroom“. Das ist so urkomisch, wie zur Szene, in der Woyzeck vom Doktor zum Versuchskaninchen entmenscht wird, im „Voice Over“ schmuddelige Ärztewitze zu erzählen, die Vergewaltigung Maries durch den Tambourmajor als soldatische Rambo-Männerfantasie zu inszenieren oder das Liebeslied an „Maria“, der „Westside Story“ entlehnt, kalauernd in „Sharia“ umzudichten. Das Lachen bleibt dem Premierenpublikum bei solcher Theatergewalt im sprichwörtlichen Halse stecken, um den Brockhues’ und Kellers Spiel die Schlinge immer enger zieht.
Büchners und seines „Woyzecks“ Vermächtnis ist, das Grauen der Geschichte auf der Bühne, vor allem aber davor erlebbar zu machen. Raschkes Regietheater nimmt diesen Impuls als eigentliche Botschaft auf. Ebenso Matisek Brockhues und Tom Keller, die beide Woyzecks, Marie in der Burka, Woyzecks ständig bekifften Kameraden Andres, den Hauptmann, den Tambourmajor, den „KZ-Arzt“ und den sonnenbebrillten Waffenhändler mit Strömen von (Theater-) Blut, Schweiß und Tränen spielen, bis zur sichtlichen Erschöpfung. Nicht minder verschwitzt, erschöpft und wund im Herzen bleibt man als Zuschauer zurück. Nach 75 Minuten, in denen die mutige Inszenierung „Woyzeck“ als Wolf dort hat wiederauferstehen lassen, wo er als untoter Theaterhund begraben lag.

Inhalt des Stückes:

Land ohne Worte“, Autorin Dea Loher, ist ein Monodrama über eine Malerin die in Kabul, Gewalt, kriegerische Auseinandersetzung zwischen der Bevölkerung und deren Armut gesehen und erlebt hat. Dieses Erleben versucht die Malerin in bildhaften Facetten aufzuzeichnen, was ihr sehr schwer fällt. Es beginnt eine Begegnung mit sich selbst. Die Malerin fragt sich ob es überhaupt möglich sei sich mit künstlerischen Mitteln menschlichem Schmerz zu nähern.

 

Zitat: „der krieg findet nicht im bild statt die erfahrung die du machst darauf kommt es an da gibt es nicht zu verstehen“

 

Die Deutsche Bühne: „Ein unter die Haut gehender Text“

Dauer der Aufführung: ca. 60 Min

 

Schauspiel: Jutta Maier

Bühne: Markus Maier

Kostüm + Maske: Anette Fritzen

Regie: Franz Bernhard Schrewe

 

Premiere: 08.01.2010

Weitere Aufführungen: 09.01.10 / 15.01.10 / 17.01.10

Einlass 20.00 Uhr Beginn 20.30 Uhr

Eintritt 10 € / 8 €

 

Aufgrund von wenigen Sitzplätzen ist eine Vorbestellung der Karten zu empfehlen.

 

Weitere Informationen unter www.theater-mitallensinnen.de

 

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